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Zwei Lebensretter aus einer Klasse in Lingen?

Schüler der BBS Lingen Wirtschaft spenden Stammzellen

Wenn ein Mensch an Leukämie erkrankt, kann ihm geholfen werden, wenn man den „genetischen Zwilling“ findet und dieser zu einer Knochenmarkspende bereit ist. Rund 3500 solcher Stammzellenspenden werden jährlich in Deutschland vorgenommen. Es gleicht eigentlich der Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. Doch an den BBS Lingen Wirtschaft können in diesem Jahr sogar zwei Schüler aus einer Klasse zu Lebensrettern werden.
Darius Coa aus Gildehaus hat den Eingriff erst wenige Tage hinter sich. Doch er kann bereits wieder zur Arbeit gehen und auch in die Berufsschule. Der 20-Jährige absolviert eine Ausbildung zum Bankkaufmann bei der OLB in Schüttorf, muss aber die BBS Wirtschaft in Lingen besuchen. In einem Gespräch mit der Redaktion blickt er zurück auf die ereignisreichen vergangenen Tage und Wochen.
„Eigentlich haben mich damals meine Mitschüler bequatscht, mich auch in die Datei aufnehmen zu lassen, als die Typisierungsaktion der Deutschen Stammzellspenderdatei im April 2019 in der Schule stattfand“, erzählt er. „So nach dem Motto ,Wenn die schon mal hier sind, kannst du das auch mitmachen‘.“ Dass er dann wirklich infrage kommen würde und es auch noch so schnell gehen würde, hätte er damals nicht gedacht. Große Tragweite
„Als ich Mitte Juli die erste Mail bekam, dass ich potenzieller Spender sein könnte, habe ich senkrecht im Bett gesessen“, erinnert er sich heute schmunzelnd. Eine Woche später gab es bereits die erste Blutuntersuchung. Per Whatsapp kam dann Anfang August die nächste Info, dass er zu weiteren Untersuchungen nach Münster solle. Sehr zur Freude des jungen Mannes erhielt er einen Tag Aufschub, sodass er noch am örtlichen Schützenfest teilnehmen konnte.
Nach weiteren Blutabnahmen, EKG und Utraschalluntersuchungen am Universitätsklinikum Münster und einem ausführlichen Arztgespräch war klar: Darius ist der gesuchte genetische Zwilling. Für den Empfänger seines Knochenmarks würden nun parallel zu seiner eigenen Vorbereitung auch alle Schritte eingeleitet, um die Spende empfangen zu können. „Sollte ich mich im letzten Moment anders entscheiden, wäre dies das Todesurteil für den Empfänger“, macht Darius die Tragweite dieser Entscheidung deutlich. Dabei merkt man ihm an, dass er sich mit dem Thema ausführlich auseinandergesetzt hat. Die anfängliche „Egalhaltung“ hat sich zu einer ernsthaften Form des „Helfenwollens“ verändert.

Fünf Tage hat er sich täglich eine Spritze in die Bauchdecke gegeben, ähnlich wie bei Thrombosespritzen, damit später die Stammzellen aus dem Blut entnommen werden konnten. „Das war nicht sehr schlimm“, berichtete er. „Man bekommt Symptome ähnlich wie bei einer leichten Grippe mit Schnupfen, etwas Fieber und Gliederschmerzen.“ In der Zeit fiel dann auch die Teilnahme am Fußballspiel seiner Mannschaft aus, das er nur als Zuschauer begleiten konnte. „Aber was ist schon ein Fußballspiel, wenn man ein Leben retten kann?“, kommentiert er. Auch seine Teamkollegen unterstützen seine Entscheidung. „Einige haben gefragt, wie und wo man sich typisieren lassen kann.“
Bei der Entnahme der Stammzellen war dann vor allem Geduld gefragt. Denn wenn erst einmal alle Nadeln gesetzt sind, darf sich der Spender, auf dem Rücken liegend, nicht mehr bewegen, bis der Vorgang abgeschlossen ist. Und das kann bis zu fünf Stunden dauern. „Am Anfang war das noch ganz okay, weil ich durch die Symptome noch ein bisschen schlapp war. Aber mit zunehmender Spende fühlt man sich fitter und möchte sich bewegen. Ich war froh, dass bei mir nach dreieinhalb Stunden ausreichend Zellen entnommen waren.“„Zwilling“ in Italien
Ob Darius seinen genetischen Zwilling eines Tages kennenlernen wird, ist noch nicht sicher. In Deutschland wäre das nach zwei Jahren möglich, wenn die Beteiligten es wünschen. Darius' Stammzellen aber sind, so viel ist bekannt, zu einem 29-jährigen Italiener gegangen. Mit dem Land besteht ein Anonymitätsabkommen. „So geht ein bisschen italienisches Blut zurück“, freut sich Darius und verweist auf seinen Vater, der Halbitaliener ist. Kurz vor Weihnachten wird er wohl erfahren. ob der Patient auf dem Weg der Besserung ist.
Einen ähnlichen Prozess hat Mitschülerin Alica Schiller noch vor sich. Die 21-Jährige aus Clusorth-Bramhar macht ihre Ausbildung bei der Sparkasse Emsland und hatte sich schon vor der Aktion der Schule bei der DKMS registrieren lassen. „Ich finde, das ist irgendwie eine einmalige Chance, ein Leben zu retten“, erklärt sie voller Überzeugung. Auch sie erhielt in den Sommerferien die Nachricht der Organisation. Bei ihr steht nun der Eingriff Ende Oktober an. Im Gegensatz zu Darius werden bei ihr die Zellen unter Vollnarkose direkt im Rücken entnommen, sodass für sie die Vorbereitungszeit kürzer sein wird.
„Dass diese Aktion innerhalb der humanitären Schule diesen Verlauf genommen hat, hat mich wirklich sehr berührt“, erklärte Koordinatorin Karin Schildt, für die dieses Projekt eine „Herzensangelegenheit“ ist.

Quelle: Lingener Tagespost vom 20.09.2019, Seite 13

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